Disclaimer: Dieser Artikel spiegelt die Meinung der Autorin wider!
Sie gelten als die erste wirklich liberale Generation, aufgewachsen mit Smartphone, Gendersternchen und der Selbstverständlichkeit von Diversität. Doch seit einiger Zeit machen Schlagzeilen die Runde, die irritieren: Die Gen Z (Jahrgänge 1995 – 2010) wird konservativer. Während die einen für Klimakleber und gegen Rechts auf die Straße gehen, wächst parallel eine Strömung heran, die sich nach traditionellen Werten, klaren Rollenbildern und sogar nach der „Hausfrauen-Ehe“ sehnt – ein Phänomen, das auch auf Social Media immer sichtbarer wird.
Doch was steckt wirklich hinter diesem Gegentrend zur dominierenden linken Politik? Oder ist es nur die verklärte Romantik einer Generation, die in der Krise Halt sucht. Ein Blick auf die Debatten ums Dating, den Körper und die Religion zeigt ein vielschichtiges Bild.
Feministisch daten
Auf Plattformen wie TikTok erobern Begriffe wie „Trad Wife“ oder „Soft Girl“ die Algorithmen. Junge Frauen zeigen sich in Kleidern mit Schürzen, backen Sauerteigbrot und verkünden stolz, dass sie sich von einem Mann "aushalten lassen" wollen. Ein Schock für jede Frauenbewegung.
Beim Dating zeigt sich ein Generationenkonflikt innerhalb der Generation selbst. Während viele junge Männer klagen, sie wüssten bei der modernen Partnerinnensuche nicht mehr, wie sie sich „korrekt“ verhalten sollen, gibt es eine wachsende Zahl junger Frauen, die den männlichen Teil der Bevölkerung gänzlich satt haben.
„I want a husband, not a roommate“ – solche Sprüche kursieren auf TikTok und Instagram. Dieser „Choice Feminism“, der traditionelle Rollenbilder als persönliche Präferenz verpackt, stößt jedoch an seine Grenzen. Kritikerinnen sehen darin nicht die Rückkehr zur Romantik, sondern eine gefährliche Naivität. Die Sehnsucht nach dem starken Beschützer ist oft die Kehrseite der Medaille von prekären Arbeitsverhältnissen. Die „Männer“, die diese Videos konsumieren, interpretieren den Trend oft weniger romantisch, sondern vielmehr als Bestätigung dafür, dass Feminismus „gescheitert“ sei.
Abtreibung: Konservative Wellen auf Social Media
Das wohl emotionalste und rechtlich umstrittenste Thema ist der Zugang zur Abtreibung. In den USA hat der Fall von Roe vs. Wade durch den Supreme Court eine Welle ausgelöst, die bis nach Europa schwappt. Interessant ist hier die Spaltung: Während auf der einen Seite junge Aktivistinnen der „letzten Generation“ oder der „Fridays for future“-Bewegung für Selbstbestimmung kämpfen, formiert sich auf der anderen Seite eine junge, lautstarke Pro-Life-Bewegung, die oft aus religiösen oder spirituellen Lagern stammt und besonders durch den Einfluss der katholischen Kirche präsent ist.
In Österreich zeigt sich in der Statistik (laut österreichischem Integrationsfonds und SORA-Studien) zwar keine massive Verschiebung der Meinungen, wohl aber eine Radikalisierung der Debatte im Netz. Junge konservative Influencer inszenieren Schwangerschaftsabbrüche nicht mehr nur als moralisches Problem, sondern als „Mangel an Disziplin“ und Verantwortungslosigkeit gegenüber der eigenen Fruchtbarkeit. Sie bedienen sich einer Sprache, die an Präventivmaßnahmen appelliert und die Komplexität ungewollter Schwangerschaften ausblendet.
Die Debatte um die Novellierung des Fristenlösungsparagrafen (§ 96) in Österreich, obwohl sie politisch derzeit stillsteht, wird in den sozialen Medien von jungen Aktivisten neu entfacht. Der liberale Konsens, dass dieses Thema Privatsache ist, wird von einem Teil der Gen Z zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder öffentlich und aggressiv in Frage gestellt.
Religion und Politik: eine explosive Mischung
Der vielleicht überraschendste Aspekt ist die Rückkehr der Religion in die politische Identität. Lange galt: Jugendliche kehren der Kirche massenhaft den Rücken – in Wien, wo die Kirchenaustrittszahlen Rekorde brechen. Doch parallel dazu entsteht eine neue Form der religiösen Identitätspolitik.
Besonders auffällig ist dies in migrantisch geprägten Milieus, wo junge Männer den Islam nicht nur als Glauben, sondern als Provokationsmittel gegen eine als dekadent empfundene Mehrheitsgesellschaft entdecken. Aber auch im katholischen Spektrum gibt es junge Erwachsene, die in der Tradition nicht nur Folklore, sondern einen politischen Kompass sehen.
Bei den jungen Konservativen vermischt sich das schnell mit rechter Politik. Der Ruf nach einem „christlichen Abendland“ wird nicht mehr nur von älteren Herren skandiert, sondern auch von jungen Menschen, die darin einen Schutzwall gegen eine „woke“ Identitätspolitik sehen. Sie fordern eine Politik, die sich wieder an „natürlichen Ordnungen“ orientiert – ein vager Begriff, der oft als Waffe gegen Aufklärung und sexuelle Selbstbestimmung eingesetzt wird. In Wien zeigt sich das in Diskussionen um Kopftuchverbote an Schulen und den Einfluss der katholischen Kirche auf die Politik.
Fazit
So sehr diese Stimmen in den sozialen Medien hallen, so sehr muss man sie auch einordnen. Die Gen Z ist keine monolithische Masse. Während die einen die Rückbesinnung auf konservative Werte predigen, kämpfen die anderen für Frauenrechte.
Dennoch zeigt der Trend: Der Liberalismus, der lange als alternativlos galt, bekommt Konkurrenz – und zwar von rechts. Die jungen Konservativen sind oft lauter, wütender und vernetzter als ihre liberalen Altersgenossen. Sie bedienen sich der Mechanismen von TikTok und Instagram, um ihre Botschaften zu verbreiten – und sie treffen damit einen Nerv bei jungen Menschen, die sich in der zunehmend komplexen und unsicheren Welt nach einfachen Antworten und klaren Strukturen sehnen.
Ob diese Sehnsucht nach der Vergangenheit am Ende nur ein Internetphänomen bleibt oder tatsächlich die Zukunft der Politik prägt, wird sich zeigen. Eines ist jedoch sicher: Die Gen Z ist längst nicht mehr nur die Generation Greta, sondern auch die Generation Andrew Tate, die Generation „Trad Wife“ und die Generation der neuen Gottessucher.
Quellen
- Shell Jugendstudie 2024: grundlegende Daten zur politischen Einstellung der Jugend
- Sinus-Jugendstudie 2024: Informationen zu Lebenswelten und Werten junger Menschen
- Zeit Online: „die neuen Konservativen“ (2023)
- Der Standard: „Warum junge Frauen plötzlich wieder Hausfrau sein wollen“ (2024)
- profil.at: „Jung, konservativ, weiblich: die neuen Abtreibungsgegner“ (2023)
- ÖIF/ SORA Institute for Social Research: Studien zur Wertehaltung in Österreich
- Kurier.at: Berichterstattung über die Debatte um den § 96 in Österreich
- NZZ: „Die Rückkehr der Religion in die Politik“ (2024)
- Der Spiegel: „Glaube, Liebe, Hoffnung – Wie junge Menschen heute Religion leben“ (2023)
- Wiener Zeitung: Berichte über die Rolle der Kirchen in der österreichischen Politik









Thought-provoking!