Ausgangszitat:

Die diskursive Rationalität wird heute auch durch die Affektkommunikation bedroht. Wir lassen uns zu sehr von schnell aufeinander folgenden Informationen affizieren. Affekte sind schneller als Rationalität. In einer Affektkommunikation setzen sich nicht bessere Argumente, sondern Informationen mit größerem Erregungspotenzial durch.

So generieren Fake News mehr Aufmerksamkeit als Tatsachen. Ein einziger Tweet, der Fake News oder ein kontextualisiertes Informationsfragment enthält, ist womöglich wirkungsvoller als ein begründetes Argument.

Byung-Chul Han: Infokratie. Digitalisierung und die Krise der Demokratie. Matthes & Seitz: Berlin. 2021, S. 31

Das Zitat von dem koreanisch-deutschen Philosophen Byung-Chul Han, beschreibt die Digitalisierung unserer heutigen Gesellschaft und die Gefahren, welche mit diesem Überfluss an leicht zugänglichen Informationen einhergehen. In diesem Zitat wird außerdem unterschwellig das Zusammenwirken von Fühlen und Denken thematisiert.

Mit seinem Zitat spricht Byung-Chul Han die Reizüberflutung und deren Wirkung auf unsere Psyche beziehungsweise unsere Entscheidungsfindung an. Er hebt klar hervor, wie Affektkommunikation unsere klare Lösungsfindung beziehungsweise allgemeine Rationalität beeinflusst. Um diese Aussage zu analysieren, ist es von Vorteil, sich die Veränderung in Sachen Medien und Nachrichtenverbreitung anzusehen. Computer-Experte Tim Berners-Lee erfand das Internet, um jedem Menschen freien Zugang zu Informationen und Wissen zu geben. 1991 wurde die erste Website in das World Wide Web hochgeladen und plötzlich war nichts mehr wie es war. Die Möglichkeiten waren grenzenlos und wurden immer grenzenloser, wir gingen von Nachrichten auf Papier zu Nachrichten auf einem Bildschirm, von Nachrichten in Schwarz und Weiß zu immer kürzeren Nachrichten in Farbe und so scharf gestochener Qualität, dass manchmal selbst die Realität enttäuscht. Ach ja, die Realität, mit ihren fehlenden Neonfarben, Spezialeffekten und Schönheitsfiltern, die Mamas Haut wieder aussehen lässt wie vor 20 Jahren, als es all das noch nicht gab. Viel zu bieten hat die Welt außerhalb des World Wide Webs ja nicht mehr. 

Die Fortschritte, die in Sachen Digitalisierung gemacht wurden, blieben nicht lange Fortschritte, immer bessere Modelle kamen auf den Markt, Computer wurden schneller, besser, sie wurden kleiner, so klein, dass wir sie heute in unserer Hosentasche immer mit uns herumtragen können. Bücher? Wer schleppt noch schwere Wälzer mit sich, wenn jeder alles auf einem kleinen Bildschirm immer auf Knopfdruck bei sich haben kann?

Innerhalb weniger als einer Generation entwickelte sich unsere Gesellschaft digital so weit fort, dass es heute kaum noch vorstellbar ist, ohne unsere kleinen digitalen Helfer zu leben. Ein Leben vor dem Handy? Gab es das überhaupt? Manche wenige erinnern sich noch daran. Generation X oder vielleicht sogar die Boomer. Doch selbst die stärksten Gegner und Verweigerer der Digitalisierung werden langsam aber stetig in den Bann der leuchtenden Bildschirme, kurzen Videos und hoch aufgelösten Bilder gezogen. Ein Leben ohne Bildschirm? Nicht vorstellbar. 

Doch was macht diese Reizüberflutung eigentlich mit uns? Wir sind so fokussiert auf schnelle, leicht zu verarbeitende Informationen, dass manchmal die Richtigkeit dieser Informationen untergeht. Wie von Byung-Chul Han angesprochen stehen die Affekte, sprich die Emotionen und Gefühle bei der Informationsaufnahmen und Verarbeitung heutzutage im Vordergrund und schränken so unsere Rationalität ein. Ganz nach dem Motto: Nachrichten müssen aufregend sein, nicht unbedingt korrekt. Wir suchen immer nach diesem Nervenkitzel in den Nachrichten. Es fällt uns schwerer und schwerer, eine gute, lange Aufmerksamkeitsphase aufrechtzuerhalten, da die Medien, welche wir konsumieren, kürzere und kürzere Aufmerksamkeitsspannen verlangen. Im Moment, wenn man beispielsweise durch TikTok scrollt, scheint dies nicht ein großes Problem zu sein, es macht Spaß und bei dem Andrang an Informationen ist keine Zeit, um an irgendetwas anderes zu denken. Diese Gedankenvernebelung ist oft genau der gewünschte Effekt, um die Probleme zu vergessen und sich nicht mit den eigenen Gefühlen auseinandersetzen zu müssen. Doch wenn man dann vor dem aufgedrehten Fernseher sitzt, seine Lieblingsserie schaut, währenddessen seinen Laptop neben sich stehen hat, um an der VWA weiterzuarbeiten und in einer Hand sein Handy umklammert, um einer Freundin vom Erlebten zu erzählt, wird diese, im Zitat angesprochene, Reizüberflutung groß genug, um zu realisieren, dass man möglicherweise ein Problem haben könnte. Fokus und Aufmerksamkeit geht in Affektlogik leider unter und oft kriegen wir von unseren Eltern zu hören “Damals war alles einfacher”. Wenn man genau darüber nachdenkt und, ganz ohne den Drang nachzugeben, seinen Eltern zu widersprechen, diese Aussage analysiert, muss man sich eingestehen, dass wir durch diese ständige Bombardierung an Informationen kaum mehr einen klaren Gedanken fassen können. Cybermobbing gab es vor 20 Jahren natürlich auch noch nicht. Nun könnte man argumentieren, dass es andere Formen von Mobbing gab, Kinder in der Schule von ihren Mobbern an den Haaren gezogen, ausgeschlossen oder verbal beleidigt wurden. Und das ist unbestreitbar auch eine Art von Mobbing, doch der Unterschied zwischen damals und heute liegt darin, dass die Mobbingopfer ihre Mobber hinter sich lassen konnten. Sie konnten gehen, die Schule hinter sich lassen, sich zurückziehen und die Qualen vom Vormittag hinter sich lassen. Vergleicht man diese Situation nun mit der heutigen Zeit, ist dies kaum mehr vorstellbar. Mobber folgen ihren Opfern überall hin und das Tor zu ihnen, tragen wir immer bei uns in der Hosentasche. Instagram, Snapchat, WhatsApp und Twitter jetzt gibt es kein Entkommen mehr. Du gehst nach Hause, öffnest dein Handy oder Laptop und damit ein Tor zu deinem Peiniger. Die Qualen gehen weiter, der einzige Unterschied, du wirst in deinen eigenen vier Wänden attackiert. Dies ist ganz klar ein Nachteil der Digitalisierung, der ständigen Bereitschaft online. 

Um Missverständnissen entgegenzuwirken, ich bin kein Gegner der Digitalisierung, nur gebe ich zu bedenken, dass diese Digitalisierung Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hat. Verschwörungstheorien, Fake News, stetige Reizüberflutung und Cybermobbing sind alles Dinge, denen wir entgegenwirken können und müssen. Wir dürfen uns nicht voll und ganz auf unsere kleinen Bildschirme verlassen. Es ist wichtig, dass wir uns trotz der vielen verschiedenen Quellen und Informationen, welche uns zur Verfügung stehen, trotzdem unsere eigene Meinung bilden und wir uns nicht von schnellen Bildern, mit hoher Auflösung und Videos unterlegt mit guter Musik verblenden lassen. “Hey Siri, wie funktioniert die Welt?”, wird uns nicht immer weiterbringen, sondern viel mehr als Gesellschaft ins Unglück stürzen, wenn wir unser Gehirn nicht einschalten, um Wissen gut anzuwenden und auf gute Lösungen zu kommen. Dieser gigantische Pool an Informationen, welcher uns frei zur Verfügung steht, bietet unglaubliche Möglichkeiten, wir müssen nur lernen zu bewerten, welche dieser Informationen unsere Zeit wert sind und welche nicht.

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